Life careerism

Alles, was wir brauchen, ist Geld, Zeit und Energie

„Warum sollte ich mich für Sie als Arbeitgeber entscheiden?“ – Bewerbungsgespräche verlaufen heute anders als noch vor zehn Jahren. Die Unternehmen haben sich darauf eingestellt, doch haben sie sich auch strukturell anders aufgestellt? Entspricht ihre Arbeitskultur überhaupt den Arbeitsbedürfnissen der zukünftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Und reicht diesen ein Jahresabonnement fürs Gym als­ Beitrag des Arbeitgebers zur Life-Work-Balance noch aus? Viele Zeichen sprechen dagegen.

Gut gestartet – und was dann?

Wer vom Studium kommt, hat hohe Erwartungen ans Berufsleben. Natürlich wissen nicht alle Absolventen genau, wo die Reise eigentlich hingehen soll. Aber sie wissen schon ziemlich genau, was sie nicht wollen: starre Vorgaben, lähmende Strukturen und ineffiziente Prozesse. Finden sie dann genau diese an ihrem ersten Arbeitsplatz vor, ist die Frustration entsprechend groß.

„Die meisten Millennials kommen mit großem Enthusiasmus zur Arbeit, aber die Praktiken des traditionellen Managements (...) reiben sie auf.“ Jim Clifton, Gallup6

Und – betrachtet man die Ergebnisse der Gallup Studie von 2017 – sind die Aussichten auf eine steigende Motivation gar nicht so rosig: Nur 15 Prozent1 der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit sind wirklich engagiert bei der Sache. Doch woran liegt dies genau? Welche Erwartungen werden am Arbeitsplatz nicht erfüllt und bilden dann den „Nährboden“ für schlechte Stimmung? Experten wie Michael C. Mankins und Eric Garton kommen zu folgendem Ergebnis: Die drei wichtigsten Faktoren für eine hohe Motivation und Produktivität sind Geld, Zeit und Energie2. Diese Einschätzung deckt sich mit den Resultaten der Universum Talent Research 20173.

Harte Fakten über Soft Facts

Klar: Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger möchten Geld verdienen und erwarten eine faire Bezahlung. Insbesondere in der Schweiz. Dies geht aus dem Cost of Talent Report von Universum4 klar hervor. Auch unternehmensinterne Umfragen, wie von UBS 2017 mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Millenial-Generation durchgeführt, belegen, wie wichtig diesen eine angemessene Vergütung ist5.

Doch dies ist nicht alles: Ein abwechslungsreiches Betätigungsfeld, Flexibilität und eine inspirierende Arbeitsumgebung spielen ebenfalls eine große Rolle bei ihrer Entscheidung für einen bestimmten Arbeitgeber. Dies zeigt die Universum Talent Research ebenfalls sehr deutlich: Mehr als die Hälfte aller Studierenden in der Schweiz legen demnach großen Wert auf vielfältige Aufgabenbereiche (50,21 %); mehr als ein Drittel wünschen sich flexible Arbeitsbedingungen (37,13 %) und ein innovatives Umfeld (36,03 %). Und annähernd die Hälfte (47,40 %) möchte in einer kreativen und inspirierenden Umgebung arbeiten3.

Eigentlich, so sollte man meinen, ein lösbare Herausforderung für die Arbeitgeber: Schließlich ermöglichen die entsprechenden Methoden und Technologien schon lange neue Formen des Teambuildings, der Kooperation und der Kommunikation – weitgehend unabhängig von geographischen Distanzen und zeitlichen Slots.

Neue Ideen brauchen neue Strukturen

Im Alltag ist das neue „Miteinander“ auch schon lange Realität. Im Job aber vielerorts noch nicht. Im Gegenteil – hier prägen oft starre Abläufe und kleinteilige Arbeitsphasen den Tag. In der Harvard Business Review findet Eric Garton deutliche Worte: „Unser sorgloser Umgang mit Zeit zeigt, wie wenig wir in menschliches Kapital investieren. Für Wissensarbeiter ist Zeit unglaublich knapp. Unsere Studie belegt, dass Manager durchschnittlich weniger als sieben Stunden pro Woche ununterbrochen arbeiten können, um in die Tiefe gehen zu können, statt an der Oberfläche zu bleiben.“6

Dabei zeigen gerade Technologieunternehmen wie LinkedIn oder Apple, was eine neue Arbeitskultur ausmachen könnte: Sie stellen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon heute unstrukturierte Zeit zur Verfügung, um auf neue Ideen zu kommen.

„Alles hat sich verändert (...) Dies bedeutet, dass wir unsere Arbeitsplatz-Kultur ändern müssen!“ Jim Clifton, Gallup7

In Zukunft: mehr Freiheit und mehr Verantwortung

Mehr Zeit, aber auch mehr Freiheiten und mehr Autonomie bilden den Erwartungshorizont heutiger Absolventinnen und Absolventen. Auch hierfür gibt es bereits ermutigende Beispiele: Unternehmen, die mit Design Thinking und agilem Projektmanagement sehr gute Erfahrungen machen – im Hinblick auf ihre Innovationskraft und Effizienz ebenso wie auf die Motivation am Arbeitsplatz.

Die Zeichen stehen also klar auf Umschwung: Wer als Arbeitgeber den Erwartungen der kommenden Generationen gerecht werden und neue produktive Potenziale heben möchte, sollte seine Arbeitskultur überdenken und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr Zeit und mehr Inspiration zugestehen. Denn eines scheint klar: Für Unternehmen wird es sich in Zukunft doppelt auszahlen, wenn sie sich in diesen Punkten neu ausrichten: So erhalten sie den „Newcomern“ die Begeisterung für den Beruf, geben ihnen neue Energie mit und heben gleichzeitig ihre eigene Produktivität.

„Diese Generation will eigenständiger, selbstverantwortlicher arbeiten können. Das heißt: noch mehr Individualisierung, Demokratisierung und Mitbestimmung, die geprägt sind von agilen, offenen und flachen Hierarchien.“ Tanja Vogt, Pressesprecherin bei Vodafone8

1 http://news.gallup.com/opinion/chairman/212045/world-broken-workplace.aspx
2 Michael C. Mankins und Eric Garton: „Time, Talent, Energy: Overcome Organizational Drag and Unleash Your Team’s Productive Power”, 2017
https://universumglobal.com/ch/rankingsswitzerland/
https://universumglobal.com/de/2018/01/cost-of-talent-2/
Tages-Anzeiger, 23.07.2017
https://hbr.org/2017/09/the-case-for-investing-more-in-people
7 http://news.gallup.com/opinion/chairman/212045/world-broken-workplace.aspx
http://high-potential.com/karriereplanung/berufseinstieg/berufseinstieg-top-arbeitgeber/

TEXT: Ute Liebig
FOTO: ZVG